Es wird gegen Ende des 13. Jahrhunderts gewesen sein, 1280
oder 1290, als ein unbekannter Mönch eines norditalienischen Klosters (wahrscheinlich
aus Pisa) die erste Brille fertigte. Es gibt schriftliche Beweise, daß
einige Jahre später, im Jahr 1300, in Venedig, dem damaligen Zentrum der
europäischen Glasindustrie, bereits Brillen hergestellt wurden. Die ersten
Nietbrillen
waren
sehr einfache Sehhilfen : sie bestanden aus zwei bikonvexen Linsen, die, in
gestielte Fassungen montiert, zusammengenietet waren. Nietbrillen mußten
permanent mit der Hand auf dem Nasenrücken festgehalten werden. Dies war
sehr unbequem, aber wenigstens konnte man mit Hilfe solcher Brillen bis ins
hohe Alter lesen und schreiben. Die Nietbrille blieb etwa 150 bis 200 Jahre
in Gebrauch und : mit ihr beginnt die etwa 700-jährige Geschichte der Brille.
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts führte die Weiterentwicklung
des Brillengestells zur Bügelbrille.
Die
beiden Gläserfassungen wurden nicht mehr durch zwei vernietete Stiele verbunden,
sondern mit Hilfe eines Bügels oder Bogens zusammengefaßt. Gläserfassungen
und Bügel bestanden also aus einem einzigen Stück. Das Material war
Holz, Horn, Metall, etwas später Leder. Diese neue Brille, die sich wesentlich
fester als die alte Nietbrille auf dem Nasenrücken hielt, mußte aber
doch noch ab und zu mit der Hand auf der Nase festgehalten werden. Verbesserungen
waren also notwendig, z.B. um die Bügel elastischer zu gestalten. Diese
wurden, damit die Bügelbrille besser über den Nasenrücken klemmen
ließ, parallel zum Rand mit Schlitzen versehen. Die Bügelbrillen,
mit oder ohne Schlitze, wurden bis ins 18. Jahrhundert angeboten.
Besondere Aufmerksamkeit bei der Betrachtung der Brillengeschichte des 16. Und 17. Jahrhunderts verdient Spanien. Warum ausgerechnet Spanien? Weil mit Ausnahme Spaniens das Tragen einer Brille in Europa als anstößig betrachtet wurde. Sie war zwar ein sehr nützlicher Gegenstand, aber auch ein Zeichen dafür, daß man älter wurde bzw. war. In Frankreich gab es sogar bis ins 18. Jahrhundert das Sprichwort : "Bonjour lunettes, adieu fillettes" (Guten Tag Brillchen, lebewohl Mädchen) – sobald man eine Brille brauchte, sollte man den jungen Mädchen "Lebewohl" sagen.
Und auch viel später, im 19. Jahrhundert, wollten noch zahlreiche Leute, darunter auch berühmte Persönlichkeiten, zumindest in der Öffentlichkeit keine Brille tragen. So zum Beispiel Napoleon, der kurzsichtig war, oder Goethe, der die Brille grundsätzlich ablehnte: "So oft ich durch eine Brille sehe, bin ich ein anderer Mensch und gefalle mir nicht", meinte er. Kehren wir aber zurück nach Spanien. Hier war es keine Schande, eine Brille zu tragen, sondern ein Zeichen von Reichtum oder hohem gesellschaftlichen Rang. Je größer die Gläser, desto teurer war die Brille.
Jedenfalls wurde im 16. Jahrhundert in Spanien die sogenannte Fadenbrille entdeckt. Dies war eine übliche Bügelbrille, an der seitlich zu den Schläfen, am Fassungsrand, Fäden befestigt waren; die Fäden endeten in Schlingen, die man um die Ohren legte. Auf diese Weise wurde die Brille durch die Fäden an den Ohren festgehalten. Abgesehen von Spanien und Italien waren Fadenbrillen allerdings in Europa nicht sehr erfolgreich, im Fernen Osten dagegen sehr beliebt, nachdem spanische Missionare sie im 16. Jahrhundert nach China gebracht hatten. Die Chinesen haben daraufhin die Fadenbrille sogar verbessert: sie hielten die Brillen mit Gewichten hinter den Ohren fest!
Eine bessere Fixierung der Brille war also immer noch das Hauptproblem
der Brillenmacher. Um die Bügel elastischer zu gestalten, versuchte man
es mit federnden, metallischen Bügeln.
Im 17. Und 18. Jahrhundert wurde in Nürnberg, Fürth und Regensburg
die sogenannte Klemmbrille oder Nürnberger Drahtbrille (auch als Nasenquetscher
bekannt) hergestellt. Diese einfache und nicht mehr so teure Brille, nur aus
einem langen Stück Draht gefertigt, hatte einen Riesenerfolg und verbreitete
sich in kurzer Zeit über ganz Europa. Eine perfekte Lösung des Fixierungsproblems
war aber die Klemmbrille immer noch nicht. Wer im 17. Jahrhundert gezwungen
war, eine Brille zu tragen, mußte entweder seine Bügelbrille mit
der Hand festhalten oder einen Nasenquetscher benutzen, der das Atmen erschwerte.
Bis Mitte des 18. Jahrhunderts war noch keine zufriedenstellende Lösung gefunden worden, immerhin gab es aber einige vielversprechende Versuche. So z.B. die Band- oder Bindbrille, bei denen die Fassungen durch einen breiten Lederriemen verbunden waren. Den Lederriemen konnte man um den Kopf schnallen. Der Vorteil dieser Brille war, daß sie einen besseren Halt vor den Augen gewährleisteten und der Druck auf den Nasenrücken wesentlich geringer ausfiel. Oder die Mützenbrille aus dem 15. – 16. Jahrhundert, die an dem Schirm einer Mütze befestigt war. Etwas später entwickelte sich die Stirnreifenbrille: sie hing an einem Reifen aus Metall, der den Kopf umfaßte.
Im Jahr 1762 malte die Malerin Anna Dorothea Therbusch ein Selbstbildnis mit einem Stirnband, an welchem nur ein einziges Glas befestigt ist. Ein Einglas, das mit Hilfe eines Stiels vor dem Auge gehalten wurde, kannte man schon lange, es wurde als Sehhilfe bis kurz vor der Entdeckung der Brille benutzt; auch danach blieb es parallel zur Brille in Gebrauch was in einigen Gemälden aus dem 14. bis 16. Jahrhundert zu sehen ist. Später, im 17. und 18. Jahrhundert wurde das Einglas dann von denjenigen, die keine Brille tragen wollten, benutzt.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erschien das Monokel, ein Einglas mit einer runden Fassung, das durch die Schließmuskeln der Augenlider an einem Auge festgehalten wurde. In England und Deutschland war das Monokel bis Ende des 19. Jahrhunderts als Sehhilfe für die Ferne oder zum Lesen sehr verbreitet.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt sich in Frankreich die sogenannte Scherenbrille. Sie bestand aus zwei gestielten Gläserfassungen, welche die Nase wie eine umgekehrte Schere umfassen. Die zwei Stiele sind in einen einzigen Griff vereint, den der Träger in der Hand hält. Somit kam die Scherenbrille überhaupt nicht in Berührung mit der Nase, sondern wurde vor den Augen gehalten. Viele Persönlichkeiten, die keine Brille tragen wollten, wie Napoleon, sein Bruder Jérôme (der spätere König von Westfalen), George Washington, der Dichter Wieland und sogar Goethe haben Scherenbrillen benutzt, u.a. weil sie schnell wegzustecken waren.
Eine im 18. und 19. Jahrhundert ebenso beliebte Sehhilfe war
die Lorgnette,
eine
Vorhaltebrille mit seitlich angebrachtem Stiel. Man vermutet, daß der
englische Optiker George Adams diese neue Brillenform um das Jahr 1788 eingeführt
hatte.
Erst 450 Jahre nach dem Erscheinen der ersten Brille kam jemand
auf den Gedanken, eine Brille mittels Bügel seitlich am Kopf an den Schläfen
oder über den Ohren zu fixieren.
Die wichtigste Rolle bei der Entdeckung der Brille hatten allerdings die Mönche
Norditaliens und die Brillenmacher Venedigs gespielt. Den Übergang aber
von der ursprünglichen Form der Bügel- oder Klemmbrille zur modernen
Form einer Brille mit Seitenbügel verdanken wir ausschließlich den
Augenoptikern und ihren Zünften; überall in Europa bemühten sie
sich, die Brille formschön und bequem für den Träger zu gestalten.
In Jahre 1746 fertigte der Pariser Optiker Thomin ein Brillengestell mit zwei seitlich angebrachten Bügeln (oder Stangen), die an den Schläfen endeten und so ein Abrutschen der Brille von der Nase verhinderten. Die Enden der Bügel waren mit einem runden Ring versehen, damit sie noch fester saßen. Diese Schläfenbrille nannte man in Frankreich "lunettes à tempes, permettant de respirer à l’aise" (bequemes Atmen erlaubende Schläfenbrille). Und in der Tat, mit einer solchen Brille konnte der Träger bequemer atmen, aber die zwei Seitenbügel drückten ziemlich stark auf die Schläfen, wodurch eine solche Brille starke Kopfschmerzen verursachen kann. Also war auch das nicht die ideale Lösung!
Ein paar Jahre später, nämlich 1752, meldete ein Londoner Optiker, er habe eine Brille mit Doppelstangen erfunden. Die Seitenbügel wurden verlängert und mit einem Gelenk versehen; die angesetzten Stücke umfaßten den Hinterkopf über den Ohren und gaben der Brille einen besseren Halt. Man nannte diese Art von Brillen Ohrenbrillen.
Gegen 1840 kam dann wieder eine Brille ohne Seitenbügel auf den Markt, der sogenannte Klemmer, der bis gegen 1930 in Gebrauch blieb, um im Grunde eine verbesserte Neuauflage der alten Klemmbrille war: die Gläser rund oder oval, die Gläserfassungen aus Schildpatt oder Metall und der Nasenbügel aus leichtem Federstahl. Und als der Pariser Optiker Poulot schließlich im Jahre 1857 den Nasenhalter am Klemmer erfand, entwickelte sich dieser für jene Zeit zu einer fast guten und komfortablen Brille. Der Nasenhalter war übrigens einfach konstruiert. Er bestand aus zwei kleinen, gebogenen Schildpattplättchen, die auf den Naseninnenseiten des Gestells befestigt waren. Auf diese Art bildeten sie eine vergrößerte Anliegefläche, so daß der Klemmer sicherer auf dem Nasenrücken saß.
Im 19. Jahrhundert waren also drei verschiedene Arten von Brillen in Gebrauch: Brillen, die man mit der Hand vor die Augen hielt (Lorgnette), Brillen, die, ähnlich der alten Bügelbrille, auf der Nase befestigt waren (Klemmer) und Brillen mit Seitenbügel, die am Kopf über den Ohren befestigt wurden.
In
den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts bekamen die Brillen ihr gegenwärtiges
Aussehen: die Gläser rund oder mit abgeflachtem oberem Brillenrand, der
Bügel den Nasenrücken, ohne zu drücken, umfassend, die Seitenbügel
der Anatomie der Ohren angepaßt. Aber auch das wird noch nicht das Ende
der 700-jährigen Brillengeschichte sein – auf das darf man gespannt sein.